Vogel des Jahres 2020

Der Vogel des Jahres 2020 ist der Neuntöter

Foto: Patric Donini

Der Neuntöter, Vogel des Jahres 2020 von BirdLife Schweiz, benötigt Dornbüsche in Hecken als Nistplatz sowie Magerwiesen mit vielen Insekten für die Nahrungssuche. Um eine ganze Neuntöter-Population zu erhalten, müssen diese Elemente in der Landschaft in genügendem Umfang und Qualität vorhanden sein. Der Neuntöter ist deshalb ein guter Botschafter für die Ökologische Infrastruktur und für eine Landwirtschaft, die mit der Natur im Gleichgewicht ist. Wegen der höchst intensiven Nutzung des Kulturlandes haben sich die Bestände des Neuntöters in der Schweiz in den letzten 30 Jahren halbiert.

Zurzeit befinden sich die Neuntöter noch in Ost- und Südafrika, wo sie das reichhaltige Insektenangebot in den Trockensavannen nutzen. Bald schon machen sie sich auf den Rückweg in die Schweiz. Hier erwartet sie ab Anfang Mai eine strenge Zeit mit Brüten und Aufzucht der Jungen – sofern sie überhaupt noch einen Lebensraum finden.

Der mit seiner schwarzen Piratenbinde, dem grauen Kopf und dem rostroten Rücken gut erkennbare Neuntöter war noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der ganzen Schweiz häufig. Er fand überall Hecken mit Dornbüschen oder Wildrosensträuchern und in den Wiesen ein reichhaltiges Angebot an verschiedenen Insekten wie Heuschrecken, Grillen und Schmetterlingen sowie kleine Mäuse, Eidechsen und junge Vögel. Da Insekten bei Regenwetter kaum aktiv sind, hat der Neuntöter ein interessantes Verhalten entwickelt: Er legt Vorräte an, indem er seine Beutetiere auf Dornbüschen aufspiesst. Die Legende besagt, dass er immer zuerst neun Beutetiere aufspiesse, bevor er zu fressen beginne. Dies brachte ihm die Namen Neuntöter ein. Im Mittelalter wurde er sogar Neunmörder genannt. Dornbüsche sind aber nicht nur als „Vorratskammern“ wichtig für den Neuntöter, sondern auch als Nistplätze, die dem Nest guten Schutz bieten. Das Männchen zeigt dem Weibchen verschiedene Nistplätze, das Weibchen liest den definitiven Brutplatz aus. Nach dem Nestbau legt es 3-7 Eier und brütet diese in 13-16 Tagen aus. Die Jungen bleiben etwa 15 Tage im Nest und werden nach dem Ausfliegen noch circa 3 Wochen von den Altvögeln geführt. Danach machen sich die Neuntöter bereits im August/September wieder auf den Flug nach Afrika.

Rückgang des Neuntöters als Alarmzeichen

Früher überall verbreitet, kommt der Neuntöter heute nur noch an mageren Standorten vor allem im Jura und in den höheren Alpenregionen vor. Im Mittelland gibt es im Kulturland nur noch vereinzelte Paare. Bei Meliorationen ab den sechziger Jahren wurden Hecken und Buschgruppen in grosser Zahl aus dem Kulturland entfernt. Wegen massivem Einsatz von Gülle und Kunstdünger, Herbiziden und Pestiziden, vielfachem Schnitt der Wiesen und der
Vernichtung vieler Kleinstrukturen brachen die Insektenbestände im Kulturland in den letzten Jahrzehnten zusammen. Diese Entwicklung schreitet heute bis weit in die Alpentäler hinauf ungebremst fort.

Es ist ein Alarmzeichen, dass sich der Bestand des Neuntöters in den letzten 30 Jahren halbiert hat. Die Investitionen in Milliardenhöhe in die Landwirtschaft durch den Bund begünstigen grösstenteils in eine Produktion, welche weder auf die Biodiversität noch auf Böden und Wasser ausreichend Rücksicht nimmt. BirdLife Schweiz fordert daher ein massives Umdenken in der Subventionspolitik für die Landwirtschaft sowie die Unterstützung und rasche Umsetzung der Ökologischen Infrastruktur.

Ökologische Infrastruktur für den Neuntöter

Jedes Neuntöter-Paar braucht einen Brutplatz in Hecken oder Dornbüschen sowie Nahrungsgebiete, in denen ausreichend Insekten vorkommen. Um den Neuntöter und mit ihm zahlreiche weitere Arten des Kulturlandes zu fördern, sind grössere Kerngebiete mit Hecken, Buschgruppen und insektenreichen Wiesen oder Weiden nötig, welche vielen Neuntöter-Paaren Lebensraum bieten. Dazwischen braucht es kleinere Gebiete, welche die Verbindung zwischen den grösseren Beständen garantieren. Kerngebiete und Vernetzungsgebiete müssen zusammen wieder überlebensfähige Neuntöter-Populationen sichern.

Der Neuntöter ist aus diesem Grund ein guter Botschafter für die Ökologische Infrastruktur. Bereits 2012 hat der Bundesrat beschlossen, für die Sicherung und Stärkung der Biodiversität eine Ökologische Infrastruktur einzurichten. Nun sollen endlich Taten folgen. Die Ökologische Infrastruktur aus Kerngebieten und Vernetzungsgebieten für die unterschiedlichsten Arten ist entscheidend, wenn der massive Biodiversitätsverlust in unserem Land endlich gestoppt werden soll. Die neue BirdLife-Kampagne 2020-2024 ist deshalb der Ökologischen Infrastruktur gewidmet. Deren Aufbau ist Aufgabe der Allgemeinheit und der öffentlichen Hand. BirdLife Schweiz ist bereit, sie dabei zu unterstützen.

Unter dem untenstehenden Link findet ihr einen kurzen Film über den Neuntöter

 

https://youtu.be/Q0BRHf5S9bs

 

 

Quelle Text: https://birdlife.ch/de/content/der-neuntoeter-ist-der-vogel-des-jahres-2020

 

 

 

Tier des Jahres 2020

Das Tier des Jahres 2020 ist die Wildkatze!

Foto: Fabrice Cahez

Die Europäische Wildkatze (Felis silvestris) ist 2020 Botschafterin für wilde Wälder, deckungsreiche Kulturlandschaften und wirkungsvollen Naturschutz. Die elegante Jägerin war einst der Ausrottung nahe. Heute breitet sie sich wieder aus. Dabei sorgt die Wildkatze auch für Überraschungen.

Der lateinische Name der Wildkatze bedeutet «Waldkatze». Wilde Wälder mit vielfältigen Strukturen sind der ursprüngliche Lebensraum der Wildkatze. Hier jagt sie Mäuse und andere Kleintiere, verschläft manche Stunde im sicheren Versteck und bringt in einem trockenen Unterschlupf ihre Jungen zur Welt.

Warum wählt Pro Natura die Wildkatze zum Tier des Jahres?
Mehr Wildnis wagen – dafür wirbt die Wildkatze 2020. Mehr freie Naturentwicklung täte der aufgeräumten Schweiz vielerorts gut. Es muss nicht immer gleich ein grossflächiges Wildnisgebiet sein. In jedem Waldstück, an jedem Bachlauf, am Feldrand und auf der Weide können wir der Natur Freiraum gewähren. Davon profitieren viele Tier- und Pflanzenarten, nicht nur die Wildkatze. Die Wildkatze wagt sich auch in die Kulturlandschaft vor, wenn sie dort genügend deckungsreiche «Unordnung» vorfindet. Allerdings: Passende Lebensräume helfen Beutegreifern wie der Wildkatze nur dann, wenn die Tiere vor direkter Verfolgung geschützt sind. Auch das zeigt die Geschichte der Wildkatze exemplarisch.
 
Wildkatze im Aufwind
Die Europäische Wildkatze teilte das Schicksal aller Beutegreifer in der Schweiz. Sie wurde erbarmungslos als vermeintlicher Schädling verfolgt. Philipp Schmidt stellt 1976 in seiner Geschichte der jagdbaren Tiere der Schweiz fest: «Im schweizerischen Bundesgesetz über Jagd und Vogelschutz von 1963 ist die Wildkatze sogar geschützt, aber es ist wohl wie mit dem Güllenloch, das erst zugedeckt wird, wenn schon einer hineingefallen ist.» (Philipp Schmidt, Das Wild der Schweiz, Bern 1976, Seite 341).
Glücklicherweise kam der Schutz für die Wildkatze gerade noch rechtzeitig. Heute beherbergt der Schweizer Jura grossflächig Wildkatzen. Es wird allerdings für immer offen bleiben, ob der «Tiger unserer Wälder» der Ausrottung in der Schweiz tatsächlich entgangen ist. Möglich ist auch, dass die Art aus Frankreich wieder eingewandert ist. In den 1960er und -70er Jahren erfolgten zudem mehrere Aussetzungen von Wildkatzen durch amtliche Stellen und Privatpersonen.
 

Aktuelle Verbreitungskarte der Wildkatze in der Schweiz. Jedes Quadrat markiert eine oder mehrere Beobachtungen (Stand November 2019)

 

Wie erkenne ich eine Wildkatze?
Nicht nur Wildkatzen sind in unseren Wäldern unterwegs. Rund 1.6 Millionen Hauskatzen leben in der Schweiz. Viele von ihnen geniessen freien Auslauf. Auch Tausende von verwilderten Katzen streifen durch Feld und Wald. Selbst bei einer Katzenbeobachtung im tiefsten Wald stellt sich deshalb oft die Frage: Wildkatze oder Hauskatze? Eine getigerte Hauskatze ist nicht immer leicht von einer Wildkatze zu unterscheiden. Endgültige Gewissheit gibt es nur durch genetische Analysen. Äusserlich sind folgende Merkmale typisch für eine Wildkatze:
  • Körperbau massig wirkend durch das dichte, langhaarige Fell
  • Fell seitlich «verwaschen» grau-bräunlich, oft mit weissen Flecken an Kehle, Brust und Bauch; immer mit dunklem Rückenstrich (sog. Aalstrich)
  • Schwanz buschig, mit stumpfem schwarzem Ende, oft mit 2-3 deutlichen schwarzen Ringen
  • Nasenspitze immer rosa
Der feine Unterschied: Wildkatze und Hauskatze
Man könnte vermuten, dass unsere Hauskatze (Felis catus) von der Europäischen Wildkatze (felis silvestris) abstammt. Das ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr gehen unsere Stubentiger genetisch auf die afrikanisch-asiatische Wildkatze, auch Falbkatze genannt, zurück (Felis lybica). Mit den Römern gelangten die Hauskatzen vor rund 2000 Jahren in unsere Breitengrade. Die Wissenschaft sieht diese drei «Katzentypen» heute als eigenständige Arten. Hauskatzen und Wildkatzen können sich allerdings paaren und fortpflanzungsfähige Junge gebären.
 
 
Foto: Fabrice Cahez
Bei der Mäusejagd auf frisch gemähten Wiesen am Waldrand können sich Haus- und Wildkatzen leicht begegnen.
 
Wichtig: Hauskatzen unter Kontrolle halten
Die grösste Gefahr für unsere Wildkatzen geht mittelfristig von der Vermischung (Hybridisierung) mit Hauskatzen aus. Katzenhaltenden kommt also eine grosse Verantwortung zu. Wer freilaufende Katzen hält, sollte diese kastrieren. So werden Kreuzungen mit Wildkatzen verhindert. Erfreulicherweise nehmen bereits sehr viele Katzenbesitzende diese Verantwortung wahr. Das laufende Wildkatzenmonitoring wird auch Daten dazu liefern, wie es um die Hybridisierung von Wild- und Hauskatze in der Schweiz aktuell steht.
 
Zukunft Wildkatze: Es sieht gut aus…
Wenn ausgerottete Tierarten wieder in ihre ursprünglichen Lebensräume zurückkehren, sind Überraschungen nicht selten. Das ist auch bei der Wildkatze so. Jüngste Forschungsergebnisse der Stiftung KORA zeigen zum Beispiel, dass sich die Wildkatze auch ausserhalb von grossen Waldgebieten offenbar behaupten kann. Vier sendermarkierte Tiere hielten sich im Sommer 2018 regelmässig in der intensiv genutzten Kulturlandschaft des Seelandes auf.
Unentbehrlich sind aber Vernetzungsstrukturen wie Hecken, Gehölze und Waldinseln. Ebenso wichtig sind Wildtierpassagen über oder unter verkehrsreichen Strassen. Viele Wildkatzen fallen sonst dem Strassenverkehr zum Opfer.